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Ein Abschnitt aus dem Buch von Stuart Pigott:
Die großen Weissweine Deutschlands
Hallwag, München, 2001
Pünderich/Mosel, 24. April 2000
Über die Brücke radle ich nach Kinheim. In weiten Kurven
folge ich dem Flussufer und komme von der wärmenden Sonne -
wo ich zu einem kleinen Vogel werde und fliege vor Freude, weil
der Winter vorbei ist! - durch kühlen Schatten mit dem belebenden
Duft feuchten Schiefers und der ersten Blätter - schneller,
schneller! - und wieder zurück in die Sonne. In dieser Landschaft
liegt eine Spannung - zwischen Licht und Schatten, Wärme und
Kühle, Trockenheit und Feuchtigkeit -, die ihren Weg in alle
guten Weine von Mosel-Saar-Ruwer findet. Man kann sie in dem ausgeprägten
Spiel zwischen Fruchtaromen und Säure erkennen, das so offensichtlich
ist, dass es jeder erwähnt, der über diese Weine schreibt.
Entweder man mag diese Art Wein, oder man lehnt sie ab. Auf dem
ganzen Erdball gibt es eine weit verstreute Gemeinde von Mosel-Saar-Ruwer-Fans,
die förmlich süchtig sind nach dieser geschmacklichen
Spannung. Wenn man aufmerksam ist, findet man sie bereits im Bouquet,
in dem sich kühle Noten mit warmen vermischen, wo Reife und
Frische miteinander tanzen. Bei Rheingau-Weinen denke ich nicht
an Tanz, eher an eine Prozession, was kein wertendes Urteil, sondern
nur ein Glied der Gedankenkette in meinem Kopf ist, die sich während
des Radelns stetig verlängert. Tanzen bedeutet Leichtigkeit,
Energie, häufige Richtungswechsel, während eine Prozession
ernster und gesetzter ist und entschieden in eine Richtung geht.
Dieser Flug ist ein Tanz durch die Moselluft.
Jetzt die Brücke von Traben nach Trarbach. Traben-Trarbach
ist einer von vielen touristischen Orten an der Mosel, und ich kann
mich nicht erinnern, dort je einen wirklich guten Wein verkostet
zu haben; allzu einfach können die Winzer dort schlechten Wein
an Kegelvereine loswerden. Nur Fanatiker würden sich die Mühe
machen, guten Wein anzubieten, und diese wollen verständlicherweise
nichts mit Kegelvereinen zu tun haben. Aber ich kenne keine solchen
Fanatiker hier. Vorbei die Zeiten, als das mit hochwertigen Moselweinen
verdiente Geld für die Errichtung architektonischer Meisterwerke
im Art-nouveau-Stil eingesetzt wurde. Heute findet man hier keine
bedeutende neue Architektur. Die Mosel-Meisterwerke der Gegenwart
sind die Weine jener Fanatiker, die alle vom großen Moselwein
besessen sind, jeder auf seine Art. Das Schöne dabei ist, dass
diese Weine so unterschiedlich sind, obwohl sie alle zur gleichen
Musik tanzen - eine Riesling-Quadrille? Ich biege von der Hauptstraße
ab nach Pünderich, das kaum zu den berühmtesten oder schönsten
Moseldörfern gehört, ein Umstand, der es andererseits
vor dem Kegelverein-Schicksal Traben-Trarbachs bewahrt hat. Hier
herrscht Mosel-Normalität mit allem, was dieses Gebiet an Besonderem
und Banalem zu bieten hat.
Wie die berühmteren Weindörfer Brauneberg und Wehlen blickt
Pünderich über den Fluss auf seine besten und steilsten
Weinberge Nonnengarten und Marienburg. Von der Kellertür des
Weinguts Clemens Busch Im Wingert 39 fällt der Blick allerdings
nur auf ein typisches modernes Vorortshaus auf der anderen Straßenseite.
Wie üblich habe ich mich mit Clemens Busch und seiner Frau
Rita hier verabredet; hier arbeiten sie. Unter diesem Zeugnis der
Sachlichkeit der 1960er-Jahre verbirgt sich der Gewölbekeller,
in dem die Weine in alten Holzfässern vergären und reifen.
Ich halte an, Clemens Busch tritt heraus, und sein Gesicht unter
dem lockigen Haar und dem kurzen Bart verzieht sich zu einem fast
teuflischen Lachen. Selbst Rita, wenn auch wie üblich reservierter,
lächelt heute.
"Dieses Mal verkosten wir im alten Haus", teilt sie mir
aufgeregt mit. Das ist eine echte Sensation für die beiden,
waren sie doch seit Jahren mit der Instandsetzung des alten Hauses,
eines Fachwerkbaus aus dem 17. Jahrhundert, beschäftigt. Die
Tatsache, dass Clemens Busch in den 1990ern einige großartige
trockene Weine gelungen sind, hat den Fortgang der Renovierungsarbeiten
nicht etwa beschleunigt, denn selbst wenn ein hiesiger Winzer große
Weine erzeugt, verdient er damit weniger, als fast jeder andere
große Wein der Welt einbringen würde. Der Mosel-Saar-Ruwer-Riesling-Fanclub
ist zwar weit über den Erdball verstreut, und viele der wichtigsten
Weinjournalisten, Weinhändler und Sommeliers der Welt gehören
ihm an, doch hat er noch nicht die kritische Masse erreicht, die
zu einer Preisexplosion führen würde. Die extrem hohen
Produktionskosten im Steilhang - fast nur Handarbeit - lassen die
Gewinnspanne ziemlich dünn werden.
Wir fahren hinunter zum Flussufer. Welch ein Blick! Nur ein Streifen
Wiese trennt das alte Haus der Buschs von der mäandernden Mosel,
und am anderen Ufer ragen steil die grauen Mauern der Lage Marienburg
auf. Als wir das Haus betreten, haben meine Augen Mühe, sich
an die plötzliche Dunkelheit anzupassen. Das ist aber weiter
nicht schlimm, weil hier unten alles noch ein wenig provisorisch
ist. Umso überraschter bin ich beim Anblick der topmodernen
Wohnküche im ersten Stock - gut geschützt vor Hochwasser,
das hier gewaltige Ausmaße annehmen kann.
Die ersten Flaschen werden auf dem Küchentisch aufgereiht,
alle aus dem Jahrgang 1999, und der Wein in moderne Probiergläser
gegossen. Insgesamt eine mutige und gelungene Zusammenstellung aus
Neu und Alt, genau wie Clemens Buschs Weine.
Als Erstes kommt der Nonnengarten, von dem immer nur ein einziger
Wein erzeugt wird, ein trockener Kabinett. Diese Güteklasse
ist an der Mosel nur allzu oft identisch mit leeren, sauren Weinen,
hier jedoch steht sie für die Blumen, Kräuter und Beeren
des Sommers, die ganz eigene Würze des Nonnengartens. Der Wein
ist geradezu bärenstark für ein Gewächs, das eher
gefallen als beeindrucken soll. Jedoch bereits beim zweiten Wein,
dem Pündericher Marienburg Riesling Spätlese trocken**,
bin ich vollends erstaunt; eine Rhapsodie in Gelb, kraftvoll, doch
gemäßigt in einer Art, die - so denke ich - Gershwin
entzückt hatte. Danach folgt die Spätlese trocken*** aus
der Pündericher Marienburg. Sie ist nicht nur schwungvoller,
sondern aufwärts strebend, voller Sehnsucht nach der Freiheit
des Himmels. Noch verblüffender der Pündericher Marienburg
Riesling Auslese halbtrocken***, als trockener Wein geplant, doch
analytisch nicht ganz trocken genug, um von der Bürokratie
diese Bezeichnung zugestanden zu bekommen; eine sich langsam drehende
Spirale zieht mich hypnotisch in sich hinein, doch trotz seines
für einen Moselriesling außergewöhnlichen Volumens
ist dies alles andere als ein standardisierter internationaler Weißwein,
sondern unverkennbar jene besondere Art von Moselwein, an dessen
Vervollkommnung Clemens Busch arbeitet, seit ich ihn kenne. In dieser
Zeit sind ihm dank seiner Entschlossenheit mehrere Sprünge
nach vorne gelungen, deren neuesten diese Weine darstellen.
"Kannst du mir nochmals dein Sterne-System erklären?",
bitte ich ihn, nachdem ich Luft geholt habe. "Je mehr, desto
besser!", kommt prompt die Antwort. Und als ich die 1999er-Felsterrasse
verkoste, eine besondere Abfüllung des Pündericher Marienburg
Riesling Auslese trocken aus Terrassen, die zwischen einem Felsen
und der Mosel liegen, werden die Sterne vor meinem inneren Auge
immer mehr. Ob es deshalb keine auf dem Etikett gibt? Der verfügbare
Platz würde gar nicht ausreichen. Das Etikett ist jedoch unwichtig,
denn dieser Wein ist zu erstaunlich, zu außergewöhnlich,
um angemessen in Worte oder Symbole gefasst zu werden, was mir bei
einem trockenen Mosel-Saar-Ruwer-Riesling noch nie passiert ist.
Trotz seiner gigantischen Ausmaße und Geschmacksdichte bleibt
dieser Wein doch edel und sprengt so tatsächlich jede Kategorie.
Nichts als Sterne am Himmel über der Mosel, unzählige
unfassbar weit entfernte Sonnen vor dem Schwarz der Unendlichkeit.
"Wenn ich Trauben mit Edelfäule gelesen habe, befürchte
ich immer, der Wein daraus würde zu wenig Säure besitzen,
um im trockenen Stil eine gute Harmonie zu bilden; ich dachte, aus
solchen Trauben könne man nur gute Weine mit natürlicher
Restsüße machen, aber ich wollte keine süßen
Weine machen. Süßer Wein war für mich gleichbedeutend
mit Touristenwein. Mit diesem Jahrgang habe ich gelernt, dass nur
genügend Substanz vorhanden sein muss, dann kann man aus solchen
Trauben tolle trockene und wunderbare süße Weine machen."
Einleitende Worte zu der nächsten Viererreihe aus dem Jahrgang
1999: eine Auslese, zwei Beerenauslesen und eine Trockenbeerenauslese
aus der Pündericher Marienburg. Während Clemens Busch
spricht, baut er die Flaschen auf. So wie Rudi Trossens Weine keinerlei
Versuch unternehmen, ihre Säure zu verbergen, tragen diese
Weine hier ganz unverhohlen ihre üppige Traubensüße
und die nicht weniger opulente Substanz zur Schau, die ihnen die
Natur verliehen hat. Während es bei Trossens Weinen die diskrete
natürliche Fülle ist, die die Weine davor bewahrt, zu
extrem zu wirken, ist es hier die diskrete natürliche Säure.
Trossens und Buschs Weine stehen an entgegengesetzten Punkten des
Moselwein-Spektrums.
Der Pündericher Marienburg Riesling Auslese*** trieft vor exotischen
Verflechtungen, er ist ungezügelt sinnlich und hinterlässt
eine zarte Salzigkeit auf der Zunge, als habe man Schweiß
geleckt. Die Vernunft hat kapituliert, jetzt schlucke ich die Weine
hinunter. Die hemmungslose Dekadenz der regulären Beerenauslese,
dann die distanzierte Schönheit der Beerenauslese***, eine
Eiskönigin auf dem Thron, die durch ihre durchdringenden Blicke
regiert, schließlich die umwerfende Großartigkeit der
Trockenbeerenauslese, sie alle sind derart berauschend, dass ich
mich wie auf Adlerschwingen über die Welt der alltäglichen
Mittelmäßigkeit und Kleinlichkeit erhebe; mit der Kraft
aus Clemens Buschs Weinen, der Kraft aus diesen Weinbergen, steige
ich auf zwischen den Hängen der Marienburg zu dem einen mächtigen
Stern, von dem schließlich alles abhängt.
Doch die Luft ist dünn hier oben, wo die Vision eines genialen
Winzers die Natur dazu bringt, sich selbst zu übertreffen.
Statt in einer entlegenen Ecke dieser atemberaubenden Landschaft
mit geschmolzenen Flügeln abzustürzen, gleite ich in der
buschschen Wohnküche langsam auf einen Stuhl hinab. "Ich
fahre dich heim, du brauchst nicht mit dem Fahrrad zurückzufahren",
bietet Clemens Busch mir an. Das hätte ich auch schwerlich
geschafft. Während der Fahrt habe ich die Gelegenheit, ihm
dafür zu danken, dass er den Riesling und die Lage Marienburg
so ernst nimmt. "Wenn man die Gelegenheit hat, solche Trauben
wie im Herbst 1999 zu lesen, macht es richtig Spaß",
entgegnet er mit der ihm eigenen Mischung aus Sachlichkeit und Leidenschaft.
Diese beiden Eigenschaften bildeten die Grundlage für die Weinrenaissance,
die hier vor fünfzehn Jahren einsetzte, als eine ganze Reihe
von Winzern begannen, die Rieslingrebe und die besten Steillagen
ernst zu nehmen, und so diese Entwicklung in Gang brachten. Es war
ein langer Weg, bis ihnen jene Weine gelangen, zu denen die Rieslingrebe
ihrer Meinung nach in ihren Weinbergen fähig ist. Rita und
Clemens Busch haben mit ihren trockenen Rieslingen 1999 für
das Gebiet bisher ungeahnte Höhen erklommen, und mit ihren
edelsüßen Rieslingen 1999 haben sie einen Platz in der
ersten Reihe der deutschen Weinelite erobert. Ich jedoch bin dankbar
für die Erlebnisse, die mir diese Weine beschert haben. Ihre
Kraft ließ mich weit über die Mittelmäßigkeit
und Kleinlichkeit der Welt aufsteigen, aber nicht als Ikarus enden.
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