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Alles öko, aber Wein
Zur Lage des Weins: Pündericher Marienburg
Von Daniel Deckers
aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. April 2001

Oberhalb einer der längsten und markantesten Schleifen, die die Mosel auf ihrem Weg gen Westen vollführt, liegt die "Marienburg". Der Ort ist seit unvordenklichen Zeiten besiedelt: Die Kelten errichteten an der schmalsten, kaum hundert Meter breiten Stelle des "Zeller Hamm" eine Kultstätte. Die Römer taten an jenem Ort das, was sie überall taten und hatten dazu noch einen weiten Blick über Eifel und Hunsrück. Möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, dass schon sie einen Teil des direkt nach Süd ausgerichteten Steilhangs unterhalb ihrer Befestigung rodeten und Reben pflanzten. Auch in späteren Zeiten ließ es sich gut leben auf dem schmalen Grat hoch oben über der Mosel. Eine klösterliche Gemeinschaft adeliger Frauen, die sich der Ordensregel des heiligen Augustinus verschrieben hatten, wurde 1515 wegen "gelockerter Zucht" vom Trierer Kurfürst aufgelöst.

Von nicht minder gelockerter Zucht muss auch die Rede sein bei den Weinen, die den klangvollen Namen der "Marienburg" tragen. Im Jahr 1905 zählte Pünderich, ein pittoresker Weinort am Eingang der fast zehn Kilometer langen Moselschleife, nach dem preußischen Weinbergkataster 53 Hektar Rebfläche; heute, ein knappes Jahrhundert später, sind es mehr als 200. Damals duckten sich die Weingärten nur an den von Trockenmauern durchzogenen Steilhängen des linken Moselufers. Heute erstreckt sich der größte Teil der Rebfläche des Ortes links und rechts der von Reil her kommenden Bundesstraße; flacher geht es an der Mosel nicht. Die Spanne der Böden reicht von schwerem Lößboden bis zu pulvrigem Schieferverwitterungsboden, die Exposition von Südwest bis Südost in den Steillagen bis zu Nord unterhalb des Waldes. Uneinheitlicher geht es nicht mehr. "Marienburg" heißen darf fast alles. So wollte es das Deutsche Weingesetz des Jahres 1971, getreu dem Motto "Ein guter Name für viel Fläche".

Uneinheitlicher als die Weinberge könnten auch die Weine nicht sein, die in Pünderich erzeugt werden. Tausende Hektoliter Riesling aus den mit Ackerschleppern und Vollerntern zu bearbeitenden Flachlagen werden im Fass den Großkellereien im nahe gelegenen Bernkastel-Kues verkauft. Von dort werden sie zusammen mit Weinen aus den zahllosen anderen überdimensionierten Weinlagen entlang der Mosel überwiegend an Discounter abgegeben und sind dort für vier bis fünf Mark erhältlich. Mehr Geld verdient, wer auf rote Rebsorten gesetzt hat. Der Dornfelder, ebenfalls aus der Flachlage, findet ab Weingut für acht bis neun Mark seine Käufer. Der Kristallzucker, der zur Anreicherung des Mostes von zum Teil weniger als 50 Grad Oechsle benötigt wird, schlägt sich im Preis nicht übermäßig nieder. Aus finanziellen Gründen nicht zu verachten ist auch der Rotling, ein Verschnitt von Weißwein, vornehmlich MüIIer-Thurgau, und Dornfelder. Auch diese bizarre Komposition findet vor dem Weingesetz ihre Gnade und an der Mosel ihre Abnehmer.

Und dann gibt es in Pünderich Clemens und Rita Busch. Gut fünf Hektar bewirtschaften die beiden in den Lagen "Marienburg" und "Nonnengarten". Die meisten ihrer Parzellen befinden sich in den Kernzonen der Lage "Marienburg" am linken Flussufer, überwiegend dort, wo der Mechanisierung auch nach der Flurbereinigung durch die Topographie natürliche Grenzen gesetzt sind. Bestenfalls können die Parzellen mit Hilfe einer am Seil geführten kleinen Raupe bearbeitet werden. In einigen Terrassen, die nicht durch Zufahrtswege erschlossen werden konnten, wird alle Arbeit wie zu Zeiten der Römer von Hand gemacht: schneiden, binden, spritzen, hacken, gipfeln, düngen, ernten. Winzer, die solche Parzellen noch nicht aufgeben, gelten je nach Sichtweise als Idealisten oder Verrückte. Clemens Busch ficht das nicht an. So trocken, wie viele seiner Weine sind, meint er schlicht: "Die Böden werden immer besser." Der günstigste Wein, ein Riesling Qualitätswein, kostet knapp neun Mark.

Für das Gros der Rieslinge, Spät- und Auslesen von klassisch trocken bis ebenso klassisch edelsüß, aber immer mit markanter Säure und Frucht- und Kräuteraromen von weißem Pfirsich bis Minze, sind zwischen zwölf und vierzig Mark aufzubringen. Auf dem Etikett steht "Pündericher Marienburg". Manch einer, der einen gleichnamigen Wein für einen Bruchteil dieser Beträge erhält, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Des Rätsels Lösung könnte hinter dem Zeichen "Ecovin" verborgen sein, das nahezu alle Etiketten der Flaschen aus dem Hause Busch ziert. Seit die Buschs den Familienbetrieb vor fünfzehn Jahren übernommen haben, sind sie Mitglied des "Bundesverbands ökologischer Weinbau e.V." Aber Weinbau nach den Richtlinien eines anerkannten Verbandes für ökologischen Landbau unterscheidet sich heute ideell und materiell kaum noch vom Weinbau in einem gut geführten konventionellen Betrieb. Sagt Clemens Busch.

Kunstdünger verwendet der Öko-Winzer ebenso wenig wie viele seiner qualitätsbewussten konventionell arbeitenden Kollege. Und wenn dort gedüngt wird, dann nur in großen Abständen und nach sorgfältigen Bodenanalysen. Überall wird das Holz, das beim Rebschnitt anfällt, liegengelassen oder in den Weinberg zurückgebracht. Herbizide muss Busch in den eher trockenen Steillagen nicht einsetzen. Wenn es sein muss, wird dem Unkraut mit der Hacke zu Leibe gerückt. Wird die Motorsense eingesetzt, sieht die Ökobilanz eines Herbizids, das im konventionellen Weinbau von Hand versprüht wird, nicht viel schlechter aus. Unerwünschte Insekten werden inzwischen großflächig mit synthetischen Lockstoffen am Rand der Weinberge bekämpft.

Bleiben echter und falscher Mehltau. Im konventionellen wie im ökologischen Weinbau wird gegen Pilzkrankheiten gespritzt - zwischen dem Austrieb Ende April und dem Traubenschluss Anfang bis Mitte August (beim Riesling) alle zehn bis vierzehn Tage. Ist der Befallsdruck aufgrund bestimmter Wetterlagen hoch, muss noch öfter gespritzt werden. Was und wie viel ausgebracht wird, ist eine Frage der Wetterbeobachtung. Gegen echten Mehltau (Oidium) wird im konventionellen wie im ökologischen Landbau in der Regel reiner Schwefel ausgebracht. Geht es gegen den falschen Mehltau (Peronospora), dürfen konventionell arbeitende Winzer schnell abbaubare "systemische" Fungizide einsetzen. Bio-Winzer arbeiten mit Tonmineralen und Kräuterextrakten, aber auch mit Kupferpräparaten (bei zwei Anwendungen höchstens drei Kilogramm Reinkupfer je Hektar), das sich als Schwermetall im Boden anreichert. Ausgebracht werden die Spritzmittel - außer den Kupferpräparaten - meist vom Hubschrauber aus. Busch hat sich dazu mit zehn Öko-Winzern an der Mittelmosel zusammengetan. Doch überall ist Vorbeugung die oberste Regel. Ist der Boden ausgelaugt, sind die Pflanzen nicht widerstandsfähig, ist viel Mühe vergebens.

Was den Preis des Weines bestimmt, ist weniger die Frage "öko" oder "konventionell". Im Qualitätsweinbau gibt es kaum jemanden, der heute noch der Ansicht ist, bei Ertragen in einer Höhe von 125 Hektolitern je Hektar, wie sie für Riesling an der Mosel erlaubt sind, ließe sich ein auch nur annähernd guter Wein machen. Im Durchschnitt der Jahre etwa 60 Hektoliter - mehr darf es nicht sein, damit die Moste außer Aromen, Fruchtzucker und Säure auch Extrakte enthalten, die den Wein unverwechselbar machen. Dazu werden die Bogreben vor dem Austrieb kurz angeschnitten und überzählige Trauben nötigenfalls durch Ausdünnen im Sommer entfernt. Das bedeutet nicht nur mehr Arbeit, es kostet Geld. Jeder Winzer nämlich, der eine "Marienburg"-Spätlese aus der Flachlage für acht Mark kauft, macht damit womöglich mehr Gewinn als Busch, wenn er für einen durchschnittlichen Steillagen-Riesling den doppelten Preis verlangt. Busch ficht dies nicht an. Und seine Kunden auch nicht. Denn es gibt nur wenige Winzer, die entlang der achtzig Flusskilometer zwischen Bernkastel und Hatzenport mit harter Zucht die große Tradition der Mosel-Rieslinge am Leben halten. Auch das ist "öko".





Der "Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter" (VDP) hat die Serie "Zur Lage des Weins", die seit August 2000 montags im Ressort "Deutschland und die Welt" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien und aus der der obige Artikel stammt, im April 2001 mit der erstmals verliehenen Trophy "Herkunft Deutschland" ausgezeichnet.


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